Zeitzeugenerlebnisbericht Zeitraum Januar 1945 bis Juni 1945 Hans-Georg Engelmann

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    • Zeitzeugenerlebnisbericht Zeitraum Januar 1945 bis Juni 1945 Hans-Georg Engelmann

      Zeitzeugenerlebnisbericht Zeitraum Januar 1945 bis Juni 1945 Hans-Georg Engelmann – wohnhaft in Brandenburg vom 30.01. bis 23.05.1945. Ich will versuchen, in chronologischer Folge die

      Zeit von etwa 20. Januar bis 15. Juni 1945, wie ich sie als 10-Jähriger erlebte, darzustellen. 20.-26.01.1945 in Neusalz/Oder (Schlesien): Die sowjetischen, damals bolschewistischen, Truppen

      hatten auf breiter Front zur Offensive angesetzt und waren teilweise schon bis zur Oder vorgedrungen. Es herrschte allseits Angst und Sorge. Auch bei meinen Eltern – einfache Leute, die mit der

      großen Politik nichts zu tun hatten. Was soll werden? Kann es sein, dass wir auch noch betroffen werden? 27.01.1945, 8 Uhr: Der zuständige Blockwart teilte mit, dass die Wohnung mit den

      wichtigsten Dingen des Lebens um 10 Uhr für einige Zeit (!) zu verlassen sei, da Kampfhandlungen erwartet werden. Aber natürlich sei bald alles vorüber; denn der Führer lässt uns nicht im

      Stich. Während dies für die Eltern Entsetzen und Chaos bedeutete – immerhin war in kürzester Zeit auch für 3 Kinder (12, 10 und knapp 2 Jahre alt) vorzusorgen, – war ich als einer, der immer

      Neues erleben wollte, zunächst fast begeistert, stand doch eine aus meiner Sicht interessante Reise bevor. Dieses Erwarten wich jedoch ganz schnell der Wirklichkeit, die Angst und Schrecken

      verkörperte. Schließlich sollte um 15 Uhr ein Zug vom Bahnhof abfahren, zu dem uns unser Vater, der selbst zurückbleiben musste, mit dem wenigen möglichen Gepäck und Kinderwagen

      begleitete. Die Abfahrt erfolgte erst wesentlich später. Der Zug bestand überwiegend aus Güterwagen. Es war tiefer Winter mit hohem Schnee. Man kann sich leicht vorstellen, welche

      Temperaturen dort herrschten. Das Ziel der Fahrt war nicht bekannt, wahrscheinlich im Moment der Abfahrt auch den Verantwortlichen nicht. Chaos war überall. Niemand – das ist sicher – hatte

      jedoch daran gedacht, niemals wieder zurückkehren zu können. 30.01.1945 in Brandenburg/Havel: Nach fast 3-tägiger (heute würde man dafür etwa 4-5 Stunden benötigen) anstrengender Fahrt

      im kalten Zug mit vielem oft stundenlangen Halten wurden wir am Morgen des 30.01. in Brandenburg „entladen“. Es war nicht mehr so eisig: Tauwetter. Wir wurden von den Brandenburgern den

      Verhältnissen entsprechend gut aufgenommen. Wir wurden bei Frau Schulz in der Vereinsstr.30 eingewiesen: 2 1 Zimmer für einen Erwachsenen und 3 Kinder, das war schon knapp, aber es war

      erst mal ein neues Zuhause. Die Bäckerei Müller, die sich in diesem Hause befand, sorgte für eine Erstversorgung mit Marmeladenschnitten. 31.01.-02.02.1945: Viele Formalitäten waren zu

      erledigen, erste Stadtbesichtigungen, ich sah erstmals in meinem Leben eine Straßenbahn; für mich als Kind waren das alles beeindruckende Erlebnisse. Auch das Lernen war wieder aktuell:

      in einer Schule in der Nähe der Gotthardtkirche musste ich in den nächsten Wochen meine Vormittagsstunden verbringen. Die etwas „andere Sprache“ in Brandenburg war dabei für mich nicht

      ganz unproblematisch. Keinen Fliegeralarm gab es an diesen Tagen. Die Brandenburger hofften schon auf bessere Zeiten! Wir sahen darin einen kleinen Ausgleich für die erlittenen Strapazen

      auf der langen Fluchtreise. 03.02.-30.03.1945: Diese Zeit war geprägt vom Kriegsalltag: Häufig, mehr oder weniger regelmäßig, heulten die Sirenen: Fliegeralarm sowohl am Tage als auch in der

      Nacht. Diesbezügliche Unterbrechungen in der Schule waren nicht selten und führten die Klassen in den nahegelegenen noch nicht ganz fertiggestellten Hochbunker, der sich im großen Bogen

      über eine Straße (wahrscheinlich die Mühlentorstraße) spannte. Das familiäre Leben veränderte sich zum Positiven, als mein Vater aus Schlesien kommend unerwartet bei uns eintraf.

      Gleichzeitig wurde das Leben in einem Zimmer immer anstrengender. Überraschenderweise wurde uns im März im gleichen Hause (Vereinsstr.30) eine fast komplette Wohnung zugewiesen,

      nachdem die Vormieterin (eine Frau Scholz) ausgezogen oder verstorben war. Das war für unsere Familie eine echte Befreiung von einer aus heutiger Sicht unzumutbaren Enge, die aber leider

      nicht von langer Dauer sein sollte. 31.01.1945: Es war ein herrlicher Frühlingstag, Ostersonnabend. Plötzlich, die den Fliegeralarm ankündigenden Sirenentöne waren noch nicht zu Ende, die

      Luftschutzkeller mit dem wenigen Hab und Gut waren noch nicht erreicht, flogen Bombenflugzeuge über die Stadt und gaben ihre schreckliche Fracht frei. Es krachte und knallte, wenn die

      zahlreichen Sprengstoffbomben explodierten, Häuser stürzten ein, Schutt flog umher, Kinder im Keller schrieen, Erwachsene weinten vor Angst Besonders in der Altstadt wurden viele Häuser

      getroffen und zerstört, unter anderem auch große Teile der Kasernenanlagen. Viele Tote waren zu beklagen, darunter auch mein Klassenkamerad und Freund Johannes Schilasky (ebenfalls aus

      Neusalz), der mit seiner aus Berlin stammenden zum Osterbesuch weilenden Cousine von diesem Angriff auf der Straße überrascht wurde und nicht schnell genug sicheren Schutz fand. Das 3

      hat natürlich auch mich als 10-Jährigen sehr berührt. Der Krieg war direkt vor der Haustür. Doch das Leben ging weiter. So konnte bereits wenige Tage später die Straßenbahn ab Fouquestraße

      Richtung Görden-Plaue wieder verkehren. Das öffentliche Leben normalisierte sich wieder einigermaßen. Fast erstaunlich zu dieser Zeit! 01.04.-19.04.1945: Trotz aller Probleme glaubten

      offenbar noch immer viele an den „Endsieg“ (man braucht dazu nur die Todesanzeigen in der Zeitung nach diesem Bombenangriff nachzulesen!). Heute fragt man sich, wo kam dieser Glaube

      noch her? Verblendung, Führertreue, Angst? Zu dieser Zeit war Deutschland schon recht klein geworden: Sowohl im Osten als auch im Westen hatten die „feindlichen“ Truppen große Gebiete

      besetzt. Die noch nicht besetzten Teile standen voll unter der Lufthoheit der Alliierten. Der Schulbesuch wurde seltener, da auch öfters Tiefflieger am Himmel erschienen und mit ihren Bordwaffen

      Jagd auf Menschen machten. Manche Tage war fast ununterbrochen Fliegeralarm. Der Luftschutzkeller wurde immer mehr zum Aufenthaltsort. 20.04.1945: Wieder gab es Fliegeralarm. Im Keller

      hörte man die schweren Flugzeuge. Man war sicher, sie fliegen nach Berlin. Nach einer gewissen Zeit offensichtlich schon auf dem Rückflug, wie man vermutete, luden die Maschinen ihre

      überflüssige Fracht erneut auf die Stadt ab mit wiederum verheerenden Folgen. Die Angst und das Entsetzen im Keller waren unermesslich, schließlich wurde das Haus über uns getroffen und

      stürzte ein. Der Ausweg: Kellerdurchbruch in Richtung Düppelstraße (heute: Damaschkestraße). Dort war ein schmales Haus stehen geblieben, in dessen Keller bereits aus der anderen

      Richtung Menschen kamen. Am Tageslicht angekommen, sahen die meisten offensichtlich durch aufgewühlten Ruß aus den Schornsteinklappen im Keller schwarz wie Essenkehrer aus. Eine

      neue Bleibe war notwendig. Aber woher? Viele Menschen waren in der gleichen schwierigen Situation. 21.-24.04.1945: Unsere Familie zog mit dem Wenigen, was noch da war, in den Bunker am

      Theater, wo noch viele andere bombengeschädigte Bewohner der Stadt eintrafen. Dort waren große Räume mit Holzbänken, die tagsüber zum Sitzen, nachts zum Schlafen dienten. 01.05., 6 Uhr:

      Unruhe im Bunker, Spannung und Anspannung gleichermaßen. Es ist so weit: die Russen sind da. Ein einzelner russischer Soldat ruft in den überfüllten fast dunklen Bunkerraum: “Uri, Uri, nur

      Uri“. Es war still, was wird passieren? Überraschung, da sonst nichts geschah. Wohl alle reichten ihre Armband- und Taschenuhren sicher meist aus Angst über die dicht stehenden Menschen 4

      hinweg,. Durch die geringe Beleuchtung und das Gedränge hätte bestimmt manche Uhr nicht ihren Besitzer wechseln müssen, weil die Sicht gering und die Übersicht nicht gegeben war. 7.30

      Uhr: Ein russischer Offizier kam, nun im Befehlston: „Raus, raus“! Alle mussten sofort den Bunker verlassen und wurden über die Steinstraße – ... – Potsdamer Straße über Kilometer Richtung

      Schmerzke – Prützke und weiter in ein Waldgebiet getrieben. Jetzt sahen wir die fürchterlichen Zerstörungen im Bereich des Hauptpostamtes, des Neuen Rathauses, der Geschäfts- und

      Kaufhäuser zwischen Steinstraße und Potsdamer Straße. Riesige Trümmerhaufen bedeckten Fußwege und Straßen, und es war oft schwer, mit einem kleinen „gefundenen“ zweirädrigen Wagen

      und Kinderwagen sich einen Weg zu bahnen, zumal zu gleicher Zeit russische Panzer und andere Militärfahrzeuge die Straße beherrschten. Im erreichten Waldgebiet schaffte sich jeder, so weit

      er konnte, durch Schlagen von kleinen Bäumen und mit Hilfe von Gestrüpp eine kleine „Unterkunft“, die auch andauerndes Regenwetter überstehen musste. Besondere Schwierigkeiten bereitete

      die Beschaffung von Trinkwasser, das über weite Strecken herangeholt werden musste und alles andere als hygienisch einwandfrei war. 03./04.05: Aus der Stadt kamen Abgesandte mit weißen

      Armbinden, um die „Ausgewiesenen“ aufzufordern, wieder zurückzukommen, da die Kampfhandlungen beendet seien. Die meisten machten sich unmittelbar auf den Weg. Das Problem für

      unsere Familie: Wir hatten keine Wohnung mehr und auch keine Verwandten oder Bekannten, die uns aufnehmen konnten. So ging es aber auch vielen anderen. Wir bekamen die Erlaubnis mit

      noch einer kinderreichen Familie, in einen ehemaligen Kindergarten in der Düppelstraße einzuziehen. 04.-22.05.05: Das Zusammenleben so vieler Menschen auf engem Raum war natürlich

      nicht problemlos, zumal es an allem fehlte: Betten, Wäsche, Lebensmittel und eigentlich alles, was für das normale tägliche Leben erforderlich ist. Das Kriegsende am 08. Mai wurde unter

      diesen Umständen kaum wahrgenommen, obwohl nun endlich ein neues Leben beginnen konnte. Aber es war auch nicht einfach, Neues zu erfahren, da Rundfunk und Zeitung nicht zur

      Verfügung standen und offizielle Mitteilungen nur über Aushänge und Befehle der Kommandantur bekannt wurden. Besonders unter diese Bedingungen wurde der Wunsch nach baldiger

      Rückkehr nach Schlesien in die alte Heimat immer stärker. So trafen sich in den Tagen etwa ab 15. Mai wiederholt eine Reihe von Heimkehrwilligen, um eine gemeinsame Rückkehr zu planen.

      Es war klar, dass diese nur mittels eines etwa 260 bis 300 Kilometer langen Fußmarsches möglich war, da an einen öffentlicher Personenverkehr zu dieser Zeit nicht zu denken war. Es 5 wurde

      beschlossen, am 23. Mai 1945 die „Reise“ zu beginnen. Pro Tag sollten jeweils etwa 25 Kilometer zurückgelegt werden. Treffpunkt war vor dem Alten Rathaus, um 7 Uhr. 23.05.1945: Erst gegen

      8.30 Uhr geht es los. Abschied von Brandenburg, wohl ohne Wehmut. Mit Wenigem sind wir im Januar hier angekommen, mit noch Wenigerem verließen wir die in den letzten Kriegstagen

      schwer getroffene Stadt wieder. Das große Ziel, in die Heimat zurückzukommen, war verbunden mit der bangen Frage, was wird uns dort erwarten. 21 Familien mit etwa 80 Personen, 21

      größeren oder kleineren Handwagen und eine Anzahl Kinderwagen machten sich auf den langen Weg. Meine Familie hatte Sack und Pack auf einem zweirädrigen gummibereiften Wagen

      verstaut, der vom Vater gezogen, von Mutter und mir geschoben wurde. Meine Schwester schob den Kinderwagen mit dem inzwischen 2 Jahre jungen Bruder über fast unglaubliche 300

      Kilometer. Schon bald nach dem Start noch in der Stadt gab es erste Probleme. Das Rad eines Handwagens geriet in eine Straßenbahnschiene und brach. Da es sich um den unserer

      Kindergartenmitbewohner, die gleichzeitig Nachbarn im schlesischen Neusalz waren, handelte, entschied mein Vater, dass unsere Familie mit zurückblieb. Diese Entscheidung war nicht einfach,

      aber aus menschlichen Gründen notwendig, zumal der Vater dieser Familie mit 4 Kindern noch irgendwo in Kriegsgefangenschaft weilte. Nach Reparatur, die überraschend schnell gelang,

      erfolgte der Zweifamilienstart um 15.30 Uhr; wir kamen noch bis Lehnin. Im Nachhinein muss man sagen, dass die Trennung vom großen Tross auch Vorteile hatte. Die Beschaffung von

      notwendigen Lebensmitteln und von Übernachtungen waren so einfacher. 24.-31.05.1945: Nach täglichen schweren 20-25 km - Etappen bei allen Wettern erreichten wir die Stadt Forst an der

      Neiße. Dort wurden wir wie Tausende andere auch an der Neißebrücke von der damals unglaublichen Tatsache überrascht, dass die Neiße zur neuen deutschen Ostgrenze werden sollte. Das

      konnte und wollte niemand glauben. 01.-06.06.1945: Nach wiederholten Versuchen, die Neiße zu überqueren, mussten wir aufgeben. Eine Rückkehr nach Brandenburg war wegen der fehlenden

      Wohnung und auch der nachlassenden Kräfte (leider) nicht mehr möglich. 07.-14.06.1945: Wir „wanderten“, jetzt als Einzelfamilie, noch 7 Tage weiter, immer langsamer werdend, denn unser

      eigentliches Ziel war außer Reichweite und die Kraftreserven schwanden dahin. Wir erreichten schließlich die Stadt 6 Elsterwerda, in der wir dank der Hilfe weitläufiger Verwandter ein neues

      Zuhause fanden Schlussbemerkung Abschließend möchte ich zum Ausdruck bringen, dass für mich Brandenburg trotz aller Schrecken des Kriegsendes eine schon 1945 interessante Stadt war,

      die es immer geblieben ist. Durch eigenes Erleben ist mir bewusst, dass jeder Krieg und jede kriegerische Auseinandersetzung Verbrechen sind, die konsequent bekämpft und geächtet werden

      müssen. Not und Zerstörungen durch Krieg sollte es in der ganzen Welt nicht mehr geben!